Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft

2. Teilbereiche der Indogermanistik

Die Indogermanistik beschäftigt sich grundsätzlich mit allen Aspekten der von ihr untersuchten Sprachen. Allerdings folgt aus der Tatsache, dass viele der von ihr untersuchten Sprachzustände heute ausgestorben sind, dass gewisse Aspekte mangels Zeugnissen nicht mehr erforscht werden können. Beispielsweise ist es nicht möglich, Dialektgeographie des Gotischen zu betreiben, das Hethitische mittels moderner phonetischer Geräte zu beschreiben oder das Vedische Sanskrit nach Kriterien der Soziolinguistik zu analysieren. Auch die Anwendung der generativen Grammatik ist bei den meisten für die Indogermanistik wichtigen Sprachen von beschränktem Interesse.

Die wichtigsten Teilgebiete der Indogermanistik sind:

  1. Phonologie: Hier wird so genau wie möglich bestimmt, wieviele verschiedene Laute (Phoneme) jede Sprache zu bestimmten Zeiten hatte, wie diese – je nach lautlicher Umgebung – (ungefähr) ausgesprochen wurden und wie sie sich (in diesen Umgebungen) vorher und nachher entwickelten. Rekonstruierend wird versucht, das urindogermanische Lautsystem zu bestimmen und seinerseits in die Vergangenheit hinein zu verfolgen.
  2. Wortbildungslehre und Etymologie: Diese Subdisziplin erforscht den Wortschatz. Dazu gehört einerseits die Beschreibung der lebendigen (produktiven) Wortbildungsmittel, mit denen in den einzelnen Sprachen zu bestimmten Zeiten nach bestimmten Mustern neue Wörter gebildet wurden, anderseits die Erklärung der ererbten Wörter, die Rekonstruktion des Wortschatzes der Grundsprache und die Bestimmung und Beschreibung der damals produktiven Wortbildungsmittel. Diese Rekonstruktion ist wichtig in Hinblick auf die grundsprachliche Morphologie und ihre einzelsprachliche Entwicklung.
  3. Morphologie: Die älteren indogermanischen Sprachen sind stark flektierend (einige sind es noch heute, z.B. Griechisch und die baltisch-slavischen Sprachen sowie - allerdings nur noch beim Verbum - die romanischen). Die Morphologie beschreibt die Formen und ihre Funktionen, sowie deren Veränderungen, in den einzelnen Sprachen und versucht, das uridg. Formensystem zu rekonstruieren.
  4. Syntax: Die einzelsprachliche Beschreibung der Syntax umfasst die Beschreibung der Funktionen und Gebrauchsweisen der morphosyntaktischen (also durch Flexion der Wörter ausgedrückten) Kategorien, den Satzbau und die dafür verwendeten Konjunktionen etc. sowie die Wortstellung. Was die Rekonstruktion betrifft, so können wir im ersten Bereich viel, im zweiten einiges, im dritten wenig aussagen. Immerhin aber ist ein wesentliches Wortstellungsprinzip, die Enklise, anhand der idg. Sprachen gezeigt und auch für die uridg. Grundsprache nachgewiesen worden (n.b. von Jacob Wackernagel).
  5. Stilistik: In diesen Bereich sind die Untersuchungen über die Indogermanische Dichtersprache einzureihen, in denen (teilweise auch mit metrischen Argumenten) nachgewiesen wird, dass gewisse dichterische Ausdrucksweisen auf die Grundsprache zurückgehen.
  6. Kulturrekonstruktion: Hier geht es darum, aus dem für die Grundsprache rekonstruierten Wortschatz auf allgemeine und besondere Merkmale der Kultur der Sprechergemeinschaft der uridg. Grundsprache zu schliessen. Daran schliesst sich auch die (ungelöste) Frage nach der sog. 'Urheimat der Indogermanen' an.
     

1. Name und Gegenstand der Indogermanistik
3. Übersicht über die Unterfamilien und Einzelsprachen